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Begegnungen in der Bamberger Gereuth - Das Interview

Aktualisiert: 20. März

Ausstellung mit Straßenfotografie von Björn Göttlicher zieht in die Auferstehungskirche ein.





Im Kirchenraum der Auferstehungskirche findet am 25.02. um 11 Uhr eine Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung "Begegnungen - Straßenfotografie in der Bamberger Gereuth" statt. Die dort gezeigten Fotografien entstanden im vergangenen Sommer im Rahmen des diakonischen Projekts PAUL in der Gereuth. Mit PAUL, dem Cafélino auf drei Rädern, fuhren Ehrenamtliche durch verschiedene Quartiere Bambergs, um dort Begegnungsorte zu schaffen. Anlässlich der Ausstellungseröffung und der bald wieder anbrechenden PAUL-Saison sprach Evangelisch in Bamberg mit dem Fotografen Björn Göttlicher, von dem die Aufnahmen stammen.







Evangelisch in Bamberg: Herr Göttlicher, wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, die Aktion PAUL der Evangelischen Kirche in Bamberg fotografisch zu begleiten?



Björn Göttlicher: Mein Vater war kurz zuvor verstorben. Für einen Mann ist der Verlust des Vaters ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe als Fotograf sein Sterben begleitet. Das hat mir ein Stück weit geholfen, damit zurecht zu kommen. Für die Bilder bekam ich sogar ein Bildkunst-Stipendium. Dennoch war eine Leere entstanden, die ich damit füllen wollte, in seinem Gedenken mein Leben zu leben. Dazu gehörte der Wunsch, mich für andere zu engagieren. So wurde ich Teil der Aktion PAUL und des Gereuth-Teams. Wir verbrachten viele Freitage mit der Ape der Diakonie am Brunnen dort und gaben den Menschen, die zu uns kamen, Kaffee. Aus meiner Sicht ist es vollkommen logisch, dass ich einfach anfing, das Erlebte zu dokumentieren. Ich bin mein Leben lang Fotograf gewesen und habe die Schönheit immer darin gesehen, Situationen in Bilder umzusetzen. Anders kann ich mir bewusstes Leben gar nicht vorstellen.



Ihre Ausstellung "Begegnungen – Staßenfotografie in der Gereuth" wirft ein Licht auf das Leben in sozial benachteiligten Vierteln Bambergs. Was hat Sie dazu inspiriert, sich auf dieses Thema zu konzentrieren?



Björn Göttlicher: Ich habe als Fotograf viele Jahre in Spanien gearbeitet. Dort hatte ich die Gelegenheit, für das Magazin Der Spiegel Reportagen zu fotografieren, da ging es meistens um soziale Themen. Zwangsräumungen, Wohnungsnot, Bauspekulation, Polizeigewalt, Studentenproteste, bis hin zum Erleben der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Auch habe ich Filme gedreht über Krankheiten und wie Menschen damit umgehen, zum Beispiel Alzheimer. Die Ethik im Fotojournalismus nimmt einen großen Teil meines Denkens ein. Ich glaube fest daran, dass es die Aufgabe der Fotografie ist, Wandel in der Gesellschaft hervorzurufen. Sei es auch nur durch Bilder. Aber manchmal kann ein Bild einen Menschen zum Nachdenken bringen. Oder eine Debatte einläuten.



Am Anfang dieses Prozesses des Nachdenkens oder entstehender Debatten steht ja zunächst die Geschichte, die ein Fotograf, eine Fotografin mit einem Bild erzählt. Welche Geschichten oder Momente während Ihrer Arbeit mit PAUL und den Bewohnern der Gereuth waren es, die Sie besonders berührt oder bewegt haben?



Björn Göttlicher: Eine einzige Anekdote herauszupicken ist nicht einfach. Am meisten bewegt hat mich die Freude, mit der die ganze Familie an den Events um die Ape teilgenommen hat. Damit meine ich meine gesamte Patchwork-Familie und die Familie meiner Kollegin Andrea, die ich ebenfalls dort kennenlernen durfte. Die Kinder und die Lebenspartner waren immer wieder mit dabei. Und da haben sich Unmengen an Begegnungen und Erfahrungen ergeben, die ich niemals vergessen werde. Ich kann nur sagen, wer das nicht erlebt, als Ehrenamtlicher zu arbeiten, der bringt sich selbst um die tollsten Erfahrungen. Manche haben davor sogar Angst. Ich nicht und unsere Familien auch nicht.




Und offenbar auch keine Berührungsängste mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten! Mich hat beeindruckt, dass Ihre Fotos eine Vielfalt von Menschen aus der Gereuth zeigen. Welche Bedeutung hat für Sie die Darstellung dieser Vielfalt?


Björn Göttlicher: Diese Vielfalt ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Viel zu oft trauen wir uns nicht aus unserer Blase heraus und haben Angst davor, ins Leben hinauszugehen. So eine Aktivität wie das Verteilen von Kaffee schließt niemanden aus. Und natürlich gilt da der Grundsatz, dass alle Gefühle erlaubt sind. Es geht nicht um Good Vibes only. Ich weiß, dass gerade in der Gereuth der Anteil derer, die bereit sind, die AFD zu wählen, recht hoch ist. Und mir ist auch als Mensch nicht jeder gleich sympathisch. So ist das halt im Leben und manchmal gilt es, das auszuhalten. Wir sahen es als unsere Aufgabe an, vorurteilsfrei auf die Menschen zuzugehen, egal wie groß oder klein jemand zu sein scheint oder welche Hautfarbe er oder sie hat. Und erst dann besteht die Möglichkeit zur Begegnung. Und das ist es, was wir suchen. Und wenn es zu einer Begegnung kommt, erweitert das den Horizont. Meinen und vielleicht sogar den der anderen Person.


Und haben Sie Reaktionen von den Personen bekommen, die Sie abgelichtet haben? Wie geht es denen damit, Teil einer Kunstausstellung zu sein?


Björn Göttlicher: Ich mag das Wort „Kunstausstellung“. Kunst ist in diesem Zusammenhang vielleicht ein zu großer Begriff. Ich werde das mal mit meinem alten Lehrer diskutieren. Aber zur Frage: Bis auf eine Person, die ich zufällig in einem anderen Kontext getroffen habe, hat mir jede Befragte ihre Einwilligung gegeben. Im Gegenteil, Leute, die ich aus Rücksicht nicht fotografiert hatte, baten mich später sogar darum, auch fotografiert zu werden. Das war lustig. Ich war mir der Art des Fotografierens stets bewusst. Die Bilder entstanden mit dem iPhone, also relativ unbeobachtet. Wer mit einem iPhone fotografiert, wird nicht so ernst genommen, macht höchstens flüchtige Bilder für Social Media. Ich habe die Bilder dann aber ausgedruckt und mitgebracht zu den Kaffee-Runden. Das bedeutete plötzlich, es gab Kaffee und Fotos zu sehen. Das hat viel verändert bei einigen Leuten. Sie fühlten sich gut mit den Aufnahmen und bejahten es, in einer Ausstellung zu sein. Sie wollten gerne ein Teil des Lebens der Gereuth sein. So habe ich das zumindest wahrgenommen. Und ebenso wie ich die Menschen respektiere, respektiere ich, wenn jemand nicht abgebildet werden will. Das ist manchmal schade, denn es gibt auch originelle Leute und Situationen, die nicht auf Bildern auftauchen. Wie der Mann, der immer mit seinem Fahrrad kommt und sich die Landkarte vom Heerenchiemsee anschaut, ein Bier aus einem orangenen Ananas-Glas trinkt und es dann im Brunnen ausspült. Da gibt es keine Bilder von, will er nicht.



Nun ist Ihre Ausstellung bereits seit November im Stephanshof zu sehen. Jetzt beginnt eine kleine Reise für Ihre Fotografien: erst in die Auferstehungskirche, anschließend nach Würzburg. Voraussichtlich im Herbst werden Ihre Werke dann auch die Gereuth besuchen, wo die Fotografien entstanden sind. Wie würden Sie den möglichen Einfluss Ihrer Ausstellung auf die Gemeinschaften beschreiben, in denen sie gezeigt wird?




Björn Göttlicher: Darauf bin ich sehr gespannt. Und ich bin durchaus erstaunt, welches Echo diese Bilder bislang hervorgerufen haben. Es hat sich auch schon einiges daraus ergeben. In Würzburg zum Beispiel wird die Ausstellung auch gezeigt werden und dort haben sich Gedankenspiele ergeben, ein ähnlich geartetes Projekt in einem anderen Stadtteil zu realisieren. Als Fotograf denke ich beständig darüber nach, was man mit Fotografie noch machen kann. Ich finde die Frage sehr spannend, wie kann die Fotografie dazu beitragen, dass andere miteinander ins Gespräch kommen? Wie kann die Fotografie dazu beitragen, dass andere sich respektiert und gesehen fühlen? Und es fühlt sich gut an, weil es ist die Fotografie, wie ich sie sehe und vertrete. Es ist somit mein Beitrag zur Gesellschaft und dem Moment, in dem wir uns befinden. Denn viele stellen sich die Frage, wie können wir es schaffen, als Gesellschaft nicht auseinander zu driften.


Das Projekt PAUL ist ja genau so ein Versuch, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, solches "Auseinanderdriften" aufzuhalten. Ich finde es spannend, dass Sie ab Ende April erneut mit PAUL in die Gereuth fahren werden. Was sind Ihre Pläne und Hoffnungen für diese kommende Saison, sowohl in Bezug auf die fotografische Arbeit als auch auf die Gemeinschaftsarbeit in den Vierteln?


Wir haben in unseren Team-Sitzungen beschlossen, weiterzumachen, bis es beruflich und zeitlich halt nicht geht. Bald kommt die Frühjahrssaison, da geht es wieder los. Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen mit Andrea und dem gesamten Team der Ape. Wir sind uns einer Sache bewusst geworden und das war eine der prägenden Feststellungen, die Andrea ausgesprochen hat: Die Menschen dort kommen gerne zu uns. Sie kommen immer wieder. Es werden mehr Menschen und die Nähe zwischen uns und untereinander wächst. Und irgendwann fangen sie an, uns zu vertrauen und erzählen uns wie es ihnen wirklich geht. Manch eine Person hat viel erlebt und öffnet sich vielleicht erst langsam. Und Reden tut gut. Sei es für den Zeitraum, den es dauert, einen Cappuccino zu trinken.


Die Ausstellung "Begegnungen - Straßenfotografie in der Bamberger Gereuth" ist ab 25.02. 2024 noch bis Ende März in der Auferstehungskirche zu sehen. Das Cafélino PAUL fährt Ende April wieder mit seinem Team aus Ehrenamtlichen los. Wer sich für eine ehrenamtliche Mitarbeit interessiert, kann sich unter stadtregion.bamberg@elkb.de oder telefonisch im Dekanat Bamberg unter der 0951-5193161 melden.

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