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Fotograf mit Zweifeln Teil 3 – Die Ambivalenz des Leidens

 

Teil 3 – Die Ambivalenz des Leidens

 

Matthias Krug, Bildredakteur des Hamburger Magazins „Der Spiegel“, erklärt mir im Interview, die Arbeit des Fotojournalisten habe großen Einfluss auf die Gesellschaft. Sie zeige Probleme auf, anstatt sie nur zu beschreiben.

Die Fotografie visualisiere Geschehnisse. Im Falle von Naturkatastrophen sähen die Menschen erst durch Bilder, was vor Ort passiere. Beim Thema Ebola zum Beispiel, sähe man erst durch die Fotos die grauenvolle Situation der Menschen in Afrika. Das sei eindringlicher, als wenn man es nur mit Worten beschreiben würde. Ähnliches gelte für Ausstellungen, die sich solchen Themen widmeten.

Fotos in Galerien, Museen, Magazinen, Zeitungen oder auf Online-Seiten verdeutlichten den Menschen gewisse Dinge. Das könne die Bereitschaft der Bevölkerung verstärken, Hilfsprojekte zu unterstützen.

Der Bonner Kunstkritiker und Ausstellungsmacher Klaus Honnef sieht es nicht ganz so optimistisch. Fotografie sei, wie alles, was die Menschen erfänden, ambivalent. Einerseits habe die Fotografie Aufklärungsarbeit geleistet.

Bilder hätten ihre eigene Qualität, uns anzufassen – uns zu berühren. Menschen spendeten deshalb für Kinder in Not oder Opfer des Krieges. Einerseits. Andererseits, und das läge daran, dass die Fotografie nicht nur solche Lichtbilder aussende, setzten Bilder in Krisenregionen Massen in Bewegung, die in Europa ihr Heil suchten und Asyl beantragten.

Sei es, weil sie verfolgt würden, sei es, weil es ihnen schlecht gehe: Die Fotografie sei „movens“, sie bewege in jedem Fall. Und sie habe dazu beigetragen, dass wir die Welt verzerrt wahrnähmen. Wir wüssten mehr als früher, wir kümmerten uns, aber wir hätten ein Bild von der Welt, das wir gar nicht mehr beherrschen könnten – dank der Fotografie und ihrem Nachfolgemedium, dem Fernsehen.

Obwohl es den Menschen in Nordeuropa gut gehe, empfänden viele hier ein großes Maß an Unsicherheit. Und das liege sicher auch an dieser verzerrten Sicht auf die Welt.

Außerdem, so betont Klaus Honnef, ziehe das Leid anderer die Menschen an. Weiterlesen.

 

 

Fotograf mit Zweifeln Teil 2 – Zu Besuch bei einer finnischen Fotografin

Teil 2 – Meeri

Ausgangspunkt für mein Projekt ist die Frage, was sich durch Fotoreportagen über das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung für die Menschen verändert hat. Dazu will ich die finnische Fotografin Meeri Koutaniemi und den spanischen Fotografen Kim Manresa besuchen, welche beide dieses Thema fotografiert haben. Ich will mehr herausbekommen über ihre Hintergründe, ihre Motivation und mir von ihren Erlebnissen erzählen lassen.

Bevor ich nach Finnland aufbreche, kann ich in der spanischen Hauptstadt Madrid mit Miguel González  sprechen, dem Chef der renommierten Fotografen-Agentur Contacto. Ich frage Miguel González, ob fotografische Geschichten überhaupt in der Lage sein können, in der Gesellschaft etwas zu verändern. Er nimmt sich Zeit für eine Antwort. Dann erläutert er mir, dass Fotografen oft durch die Veröffentlichung eines Themas dazu beitragen, dieses Thema für die Gesellschaft zugänglich zu machen. Und ja, die in einer Veröffentlichung angesprochen Themen können sich ändern.

Diese Veränderungen vollzögen sich extrem langsam, sagt González. Eine einzige Text- oder Fotoreportage wird allein sicher keine Veränderung hervorrufen. Aber sie ist durchaus in der Lage, den Grundstein dafür zu legen. Es gehe dann eben um eine Realität, die die Menschen bis dato nicht gekannt haben. Sie ist mit einem Male existent. Bekannterweise sei es ja der erste Schritt beim Lösen eines Problems, dieses erst einmal kennenzulernen und sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Genau da habe der Fotojournalismus seinen Platz und seine Berechtigung. Er kann fundamentale Elemente dazu beitragen, dass diese bislang unbekannte Realität eine Veränderung erfährt. Das geht nur Schritt für Schritt. Die Gesellschaft nehme diesen Wandel kaum wahr.

Miguel González sagt, es gehe nicht darum, die Gesellschaft zu verändern.

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Das Projekt:

https://www.riffreporter.de/fmz/

Teil 1 – Der Anfang

Teil 2 – Zu Besuch bei einer finnischen Fotografin

 

Teil 3 – Die Ambivalenz des Leidens

 

Fotograf mit Zweifeln – Teil 1 Einleitung

Teil 1 – Einleitung

Mein Name ist Björn Göttlicher. Ich arbeite seit 20 Jahren als Fotoreporter und habe in meinem Beruf einiges gesehen. Viele schöne Dinge, aber auch die Ungerechtigkeit in der Welt und das Leiden vieler Menschen. Das hat mich nachdenklich gemacht, und ich habe angefangen, Fragen zu stellen. Ich bin der Fotograf mit Zweifeln.

In meiner Koralle möchte ich Sie mitnehmen auf meine innere Reise zu den Fragen der Ethik in der Fotografie. Die begann bei einem Besuch eines Festivals für professionellen Fotojournalismus. Ich besuchte das „Visa pour l’image“, das angesehenste Festival Europas in Perpignan. Dort wurde bei der allabendlichen Projektion der besten Bilder des Jahres auch ein Preis verliehen. An eine finnische Fotografin. Sie heißt Meeri Koutaniemi. Das war aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens bin ich zur Hälfte Finne. Meine Mutter stammt aus Finnland, und wenn eine Fotografin von dort einen renommierten Preis überreicht bekommt, dann freue ich mich gleich doppelt mit ihr. Das war aber nicht der einzige Grund. Der andere lag in dem von Meeri gewählten Thema, für das sie den Preis bekam.

Die Finnin ist ausgezeichnet worden für eine kürzlich entstandene Schwarzweiss-Reportage  über das Thema FGM, Female Genital Mutilation, aufgenommen bei einem Stamm der Massai in Afrika. Ein schreckliches Verstümmelungs-Ritual, das nur in wenigen Ländern praktiziert wird. Ich wusste nicht viel darüber, doch was ich wusste, das hatte ich einer anderen Schwarzweiss-Reportage entnommen, die ich zehn Jahre zuvor in einer spanischen Zeitschrift gesehen habe. Ich erinnerte mich noch gut an den Namen des Fotografen, der diese Bilder  aufgenommen hatte. Er heißt Kim Manresa. Seine Fotos haben nach der Veröffentlichung hohe Wellen geschlagen, sie zeigten ein weinendes kleines Mädchen in ihrem unsäglichen Schmerz. Der Fotograf hatte das Kind, das er fotografiert hatte, angeblich später sogar adoptiert, so sehr ging ihm die Geschichte zu Herzen.

Das ließ mich ratlos dastehen. Meeri Koutaniemi, Kim Manresa. Zwei Fotografen, dieselben visuellen Dokumente des Grauens. Schwarzweiss, intim, erschreckend. Einem jungen Mädchen wird die Klitoris beschnitten, hier wie da zweimal dasselbe schmerzhafte Ritual. Beide Reportagen fotografiert in Afrika. Zwischen den zwei Geschichten liegen viele Jahre, das kann ich sehen. Aber was ist in der Zwischenzeit passiert?

Plötzlich sind sie da, die Fragen. Sie kommen aus dem Nichts. Sie steigen in mir auf wie Bläschen in einem Sprudel. Und sie verschwinden nicht mehr.

Bestimmt sind diese kritischen Fragen das Ergebnis meiner Berufserfahrung, das Ergebnis eines jahrelangen Hinschauens, das in meinem Beruf nötig ist. Aber ich empfinde sie als lose Enden. Sie müssen wieder zusammengefügt werden, sonst finde ich keine Ruhe. Ich muss jemanden suchen, der meine Fragen beantworten kann. Denn es geht im philosophischen Sinne um die Wirkung von Fotografie, von Bildern und Dokumenten.

Die Bildreporter, die ich kenne, lassen meist glaubwürdige bildnerische Dokumente entstehen, die in ihrer Direktheit und Härte von Lebensrealitäten künden, die uns durchaus unangenehm sind. Sie sind oft weit weg von unserer Wohlfühlzone. Worum geht es in der Fotografie für mich? Kann ich selbst einen Beitrag leisten, um die Welt ein Stück besser werden zu lassen? Oder ist das nur eine Illusion? Das ist der persönliche Ausgangspunkt meiner Reise. Jede Frage generiert eine weitere Frage. So entsteht der Weg meiner Reise zu den Fragen der Ethik.

Begleiten Sie mich auf meinem Trip durch die Welt der Fotografie! Die Ethik hat ihre eigenen Fragestellungen und durchaus spannende Antworten. So ist das in dieser Koralle realisierte Projekt, für das ich ein Stipendium der VG Bildkunst erhalten habe, nicht nur für Fotografen von Interesse. Es ist interessant für diejenigen, die häufig und gerne Bilder betrachten, die sich von ihnen provoziert fühlen und die die visuelle Sprache der Fotografie besser verstehen möchten.

Ich spreche mit Menschen, die diese Fragen beantworten können oder zumindest eine Meinung dazu vertreten. Und ständig habe ich meine Zweifel. Ist es anmaßend, wenn ich mich in die Arbeit anderer einmische? Aber da sind sie schon wieder, die Zweifel, die dieser Serie ihren Namen verleihen. Der Fotograf mit Zweifeln. Als erste Interviewpartner  versuche ich es bei der Finnin Meeri Koutaniemi und dem Katalanen Kim Manresa zuhause. Mal sehen, ob sie mir die Tür aufmachen. Aber dazu mehr im nächsten Video.

Das Projekt:

https://www.riffreporter.de/fmz/

Teil 1 – Der Anfang

Teil 2 – Zu Besuch bei einer finnischen Fotografin

 

Teil 3 – Die Ambivalenz des Leidens

 

Gedanken zu einem Ethik-Abend auf der Photoszene in Köln

Unter dem Titel „Ikonen der Flucht – Die neue Macht der Fotografie“ trafen sich in Köln im Rahmen der Photoszene 2016 die Fotografen Sybille Fendt, Nikos Pilos, Daniel Etter, Christoph Bangert, Peter Bialobrzeski mit den Herren Andreas Trampe vom Stern und Lutz Fischmann von Freelens, sowie Lars Boering vom World Press Award zum abendlichen Stelldichein. Aus den Vorträgen und der anschliessenden Debatte habe ich mir folgendes notiert.

Das Bild der fünfjährigen Ayla, die tot am Strand liegt, ist sicher DIE Ikone der gegenwärtigen Flüchtlingskrise. Ein Bild, das die öffentliche Meinung beeinflusst hat und das bis in die Politik vorzudringen vermochte. Am 5.September 2015 öffnete Kanzlerin Merkel die Grenzen, und ein beispielloser Flüchtlingsstrom ergoss sich über Europa mit dem Ziel Deutschland. Der Grieche Nikos Pilos zeigt Bilder und bewegende Videos über eine Situation der Grenzschließung im Balkan und über den Tod im Meer. Er berichtet, er hätte auf der Insel Kos den Vater zweier Kinder interviewt, direkt 2 Stunden nach deren Tod durch Ertrinken. Dieser stand verständlicherweise komplett unter Schock. Aber auch der Fotograf war von der dramatischen Situation, die er dokumentierte, sehr mitgenommen und stellte sich selber die Frage, wie man mit den Bildern im Kopf umgeht, um diese verarbeiten zu können und um weiterleben zu können. Keine leichte Frage, Ikonen hin oder her.

Weitere sich zur Ikone eignende Bilder werden erwähnt, so die Bilder von World Press Award Preisträger Warren Richardson. Ein Flüchtling reicht sein Kind durch einen Stacheldrahtzaun bei Nacht. Pulitzer-Preisträger Daniel Etter, der seine Praktika bei James Nachtwey und Seven absolviert hat, zeigt nun sein Gewinner-Bild, eine Foto-Ikone, die viele Menschen auf Titelbildern oder im Internet gesehen haben. Es zeigt einen Mann, der beim Betreten festen Bodens nach nächtlicher Fahrt über das Meer ein Kind auf dem Arm hält und von Gefühlen überwältigt weint. Ein Bild mit einer einfachen Lesbarkeit und schneller Zugänglichkeit für den Betrachter, was es auch zu einem sehr oft mißbrauchten Bild gemacht hat. Daniel Etter zählt die einzelnen Fälle von Bild-Mißbrauch auf, wobei er betont, wie unkontrollierbar das Phänomen für ihn als Autor des Bildes ist. Eine einmal in die Welt gesetzte Fehlinformation ist fast nicht mehr korrigierbar. Schmuggler hatten ihm erzählt, die Familie käme gar nicht aus Syrien. Im Irak wurde sein Bild von Demonstranten hochgehalten. In Marokko verbreitete sich das Gerücht, Kanzlerin Merkel hätte dieser Familie persönlich geholfen. Auf Facebook kursierte das Gerücht, die Familie hätte 536,067 € gewonnen. Dann wurde das Bild in anderem Zusammenhang in Kanada verwendet. In den USA dachten manche, die Familie sei aus Mexiko und hätte den Rio Grande überquert. Das Bild wurde als Propaganda gegen Donald Trump verwendet. Ich mache zu Hause mal den Test, ob sich das Bild von Daniel in diesem Zusammenhang im Netz finden lässt. Doch unter „mexican refugees rio grande“ finde ich es bei Google auf Anhieb nicht, obgleich ich erschüttert bin, was ich da für Bilder zu sehen bekomme und verstehe, wie es zu einer visuelle Ähnlichkeit kommen kann.

Jedenfalls ist eine der Schlussfolgerungen dieses Bild-Ikonen-Mißbrauchs, daß unser eigener kultureller Kontext und unsere eigene individuelle Erfahrung sich wie ein Schleier über ein Bild legen und ihm so einen anderen Kontext verleihen können. Oder ist das nicht immer der Fall? Ist das nicht beim Betrachten jedes Bildes so? Die auf dem Bild dargestellte Familie jedenfalls ist schon wieder im Irak, von wo sie auch aufgebrochen ist.
Das hat Daniel bei der Aufnahme vor Ort erfahren. Gut. Aber wenn man dieses Bild an ganz unterschiedlichen Orten unterschiedlichen Menschen zeigen würde, was würde dabei herauskommen? Wenn man es einem jungen Somali, einer 29-jährigen Österreicherin und einer alten Frau in den Anden zeigen würde, was würde sie darin sehen? Wahrscheinlich würden alle als erstes erkennen, dass es sich um eine Vater handelt, der sich um seine Kinder sorgt und der weint. Gefühle sind universell und von jedem lesbar. Aber ob es sich dabei um eine Schiffskatastrophe handelt, um Bootsflüchtlings in Australien oder eine Überschwemmungskatastrophe im Donau-Delta, das würde wahrscheinlich jeder so interpretieren, wie er es kennt oder sich vorstellen kann. Dass eine Österreicherin im Bild Flüchtlinge am Mittelmeer erkennen würde, liegt in diesem Zusammenhang sicher daran, dass derartige Bilder gegenwärtig eine starke Medienpräsenz haben. Aus der Sicht des Reporters oder Fotojournalisten, sowie aus Sicht ethisch moralisch verantwortungsbewusst handelnder Bildredakteure bei einer großen Zeitschrift, würde man jetzt den enormen Wert einer korrekten Bildbeschriftung hervorheben, die ja auch Teil der Arbeit an einem Bild ist und die sehr gewissenhaft erledigt werden muss.

To be continued

Das ist „Like a Coat of rain“ von Björn Göttlicher!

Gedanken zum ethischen Handeln eines Fotoreporters

Spiderman, der Prototyp des rasenden Reporters. Hier mehr als Referenz der Spaßgesellschaft. ©Göttlicher

Muss ein Fotograf sein Handeln abwägen? Kann ein Fotograf, der Bilder veröffentlicht, das was aus seiner Tat resultiert, voraussehen? Gedanken zu Geschichten, die mir zu Ohren gekommen sind. Zwei Fälle, die an sich verschieden sind, aber vielleicht doch einiges gemeinsam haben.

Fall 1

Bei einem Treffen von Aktivisten, deren Hauptaufgabe es ist, Leuten zu helfen, die Probleme mit Immobilien, Banken und Hypotheken haben, präsentierte sich eines Abends eine junge Frau aus Brasilien und erzählte von ihrem Fall. Sie sei als die Geliebte eines sehr wohlhabenden älteren Mannes ins Land gekommen und habe an dessen Seite 10 Jahre lang gut gelebt. Doch leider habe der ältere Mann nun eine neue, jüngere Freundin und sie müsse sich nun eine neue Bleibe suchen. Kinder habe sie mit dem Mann keine, dieser wolle sie finanziell zwar ein wenig entschädigen, aber sie stehe grundsätzlich vor dem Nichts und so fragt nun in die Runde ihrer Zuhörer, ob jemand eine Unterkunft wisse, wo sie preiswert bleiben könnte. Ihre Situation sei sehr ungerecht, sie habe die besten Jahre ihre Lebens geopfert und ihr Mann würde sie zu Hause nicht mehr dulden und hätte überall Kameras installiert, um ihr den Zugang zu ihrem Haus zu erschweren, wo jetzt die jüngere Frau an ihrer Stelle lebte. Anwesend in dem Plenum ist auch ein junger Fotograf, der ihre Geschichte spannend findet, wie spannend er die Dame selber findet, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls meldet er sich zu Wort und sagt, er würde sich der Geschichte gerne annehmen und Kraft seines Fotografen-Status alles Menschenmögliche tun, um den Fall bei der breiten Masse bekannt zu machen. Wie genau er dies anstellen wolle, bleibt erst einmal unklar (vielleicht ja via Facebook), jedenfalls verhält es sich so, dass es sich in dem in der Geschichte vorkommenden älteren Mann um einen stadtbekannter Gastronom handelt, bei dem sich die lokalen Zeitungen nicht gerne die Finger verbrennen wollen (außer es sind vielleicht Wahlen).

Ideal Fotoreporter: Lieber mittendrin als nur dabei. ©Göttlicher

Fall 2

Ein mir gut bekannter junger Fotograf arbeitete zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort für eine lokale Gratis-Zeitung als rasender Reporter. Der Fotograf, der später den World Press Award gewinnen sollte, machte sich bei der Zeitung einen Namen als der Reporter, der einen guten Draht zu Jugendthemen, Hausbesetzern und der linken Szene hatte, kaum eine Tür blieb ihm und seiner Kamera verschlossen. So betrat er eines schönen Tages eine alte Stierkampf-Arena, die sich im Verfall befand und fand dort den einzigen Bettler vor, der diese bewohnte. Er freundete sich mit dem Mann an, so dass er von diesem auch die Erlaubnis bekam, ihn fotografieren zu dürfen. Die Geschichte fand Anklang bei seiner Zeitung und wurde schliesslich gedruckt. Der Fotograf war auf seine Investigativ-Leistung und seine Bilder stolz und wurde von allen Seiten gelobt, die Geschichte machte in der Stadt medial die Runde. Leider bekamen auch die Behörden davon Wind und so wurde der Bettler kurze Zeit später durch Polizei-Einsatzkräfte von seinem Schlafplatz entfernt. Dabei muss es zu unschönen Szenen gekommen sein und der junge Fotograf, der eben noch sehr stolz gewesen war auf seine Leistung fühlte sich bis ins Mark getroffen. Er hatte überhaupt nicht im Sinn gehabt, durch seine Bilder die Lebensqualität seines Gegenübers infrage zu stellen, oder schlimmer: er wäre nie auf die Idee gekommen, dass seine Bilder das Leben dieses Mannes negativ verändern würden. Diese Geschichte musste aber passieren, damit der junge Fotograf anfangen konnte, vieles, was ihm bis dato als gut und normal vorkam, infrage zu stellen. Die Macht der Bilder, die Macht der Presse, die Macht der Medien. Er selbst als ein Teil davon, als ein Rad in einem großen Räderwerk, das er selber mit in Gang hält. Die Richtung vorgeben tun andere. An der Stelle, wo damals die Arena stand, steht heute ein schönes Kaufhaus.

Gedanken zu beiden Fällen und was sie gemeinsam haben.

Der Urtyp des Fotoreporters: Robert Capa. Er fotografierte den Spanischen Bürgerkrieg und schuf Ikonen.

In beiden Geschichten ist es ein Fotograf, der in gewisser Weise ausreizen möchte, wie weit seine Macht geht. Er sieht sich automatisch auf der „guten“ Seite und ihn reizt es, im Mittelpunkt zu stehen und einem Bild zu entsprechen, das vielleicht am besten in Peter Parker, besser bekannt als Spiderman, erstmals auch cinematografisch dargestellt wurde. Das Ideal des rasenden Reporters einer Zeitung, mit der Top Story vor seiner Linse. Die Top Story war er selber. Heute entsprechen nicht mehr sehr viele Fotografen diesem Ideal, auch weil das Internet an Schnelligkeit die Zeitungen überholt hat.

In beiden Fällen ist eine gewisse Naivität spürbar, vielleicht jugendlicher Leichtsinn, eine Art Helfer-Syndrom, auch Risikobereitschaft. Doch die Jugend irrt viel leichter als sie zuzugeben in der Lage ist, wenn es um das korrekte Einschätzen von Gut und Böse geht. Aber wenn nicht in der Jugend, wann hat man dann das Recht, Fehler zu machen? Und die Weisheit kommt schließlich erst mit den Fehlern, die man macht.

Und abschliessend fallen mir Referenzen ein zum Telenovela. Im Falle der Brasilianerin sehe ich nicht wirklich, was der Fotograf dem Mädchen Gutes tun kann, außer sich eben auf ihre Seite zu schlagen, dafür ist es doch auch irgendwie zu sehr eine private Angelegenheit, von der er ja nur eine Version kennt. Aber als Stoff für eine Telenovela ist es sicher sehr passend. Schon Sir Arthur Conan Doyle hat sich in einem Sherlock Holmes-Fall des Themas angenommen. Durchaus blutig und mit einer deftigen Portion Zynismus: Das Rätsel der Thor-Brücke.

Von der Ikone zur Ikonophobie in der Fotografie

Ikone Marylin Monroe als Restaurant-Werbung © Göttlicher

Was ist eine Ikone? Was ist eine Foto-Ikone? Und was ist Ikonophobie? Hat hier heute irgendwer irgendwas gegen Bilder? In einer Zeit, in der pro Tag auf Instagram 20 Millionen Bilder hochgeladen werden, scheint das doch völlig abwegig. In diesem Artikel schauen wir uns das mal an.

Bei Ikonen denken viele von uns doch sofort an die schön gemalten Heiligenbilder der griechisch- oder russisch-orthodoxen Kirche, die so einen schönen Goldgrund haben. Mit Goldgrund ist der Hintergrund der Ikonen gemeint, der sie charakteristisch macht. Ein derartiger Gold-Hintergrund findet ansonsten in der Kunstgeschichte kaum statt, ein Alleinstellungsmerkmal der Ikonen, die überdies auf Holz gemalt sind. Der Sinn der von der orthodoxen Kirche geweihten Ikonen ist es, Ehrfurcht zu wecken und eine Art existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Abgebildeten herzustellen, also zwischen dem Betrachter und Gott. Als Kunstgegenstände oder als bloße Dekoration werden sie im Kontext der Kirche nicht angesehen. Soweit man weiss, gibt es in koptischen Ikonen sogar Einflüsse altägyptischer Kunst, womit man Ikonen grundsätzlich ein hohes kulturgeschichtliches Alter unterstellt.

Wortgeschichtlich liegt dem Wort Ikone das altgriechische Wort εἰκών (eikṓn) zugrunde, was soviel bedeutet wie „Ebenbild, bildliche Darstellung“. Und bildlich dargestellt wurden auf Ikonen die Gottesmutter, das Jesuskund, Jesus als Erlöser oder etwa Apostel. Dabei steht die Ikone auch in enger Anlehnung an das Wort Idol, welches aus dem griechischen Wort eídolon abgeleitet wird, was soviel heisst wie „Gestalt, Bild, Götzenbild“. Das Götzenbild, konkret das eines Stiers, ist auch verantwortlich für den ersten im christlichen Abendland bekannt gewordenen Bildersturm. Als Moses den Menschen die Zehn Gebote präsentieren wollte, die ihm sein Gott übergeben hatte, fand er seine Glaubensbrüder beim Tanz um das goldene Kalb vor, was ihm gar nicht behagte, so dass er es zerstörte und die Zehn Gebote gleich mit. Steht jedenfalls so im Alten Testament. Der Bildersturm galt damals einem Idol, einer Statue. Aber wir wissen ja jetzt, das griechische Wort „eídolon“ bedeutet ja auch „Bild“, wir bleiben also beim Thema.

Logo meines Projektes „Das Dilemma der Fotografie“ über die Frage der Ethik ©Sergi Gor

Moses repräsentierte einen Gott, der nicht abgebildet werden wollte, der sich zu der damaligen Zeit höchstens gelegentlich in einem brennenden Dornbusch zu zeigen pflegte, er war da wohl ein wenig eitel. Gott selbst war somit der erste Vertreter eines Bilderverbotes. Das Abbildungsverbot wendet sich gegen den Vorgang der Darstellung als solchen, gegen die angeblich existierende Gefahr der Vergötzung (eines Idols), und kann sich richten gegen Götter, Götzen, Propheten, Heilige oder Geschöpfe allgemein. Die Idee des Bilderverbotes entspringt dem Monotheismus und richtet sich gegen die Gefahr der Rückkehr polytheistischer Religionen, die ja dem Ein-Gott-Glauben vorangegangen waren. Angefangen hat damit wohl tatsächlich Moses, obgleich die erste monotheistische Religion gab es wohl in Ägypten in der Regierungszeit des Pharao Echnaton. Der hatte sich selbst zum Sonnengott erklärt, den es anzubeten galt. Damit hatte er allerdings die Gefühle der Priester-Kaste verletzt, die nicht lange zögerten und seine Abbilder von Reliefs und Wänden umgehend entfernten, nachdem Echnaton das Zeitlich gesegnet hatte. Die Priester machten damals einen „Echnaton-Bildersturm“, und womöglich hat das kaum länger gedauert als bei Präsident Trump, der ja auch in Windeseile alles rückgängig gemacht hat, wofür Präsident Obama lange gekämpft hat.

Letzten Endes kann man wohl sagen, dass das Kreuz zur Ikone des Christentums geworden ist, mit dem Abbild eines gekreuzigten Christus vorne drauf, was viele kritische Geister an sich ziemlich brutal finden. Vorher gab es ja auch das Symbol des Fisches als Erkennungszeichen des frühen Christentums, das sich als Ikone aber nicht durchgesetzt hat. Was sind nun die Ikonen von heute?

Marylin Monroe, James Dean, Che Guevara, Albert Einstein fallen einem da als erstes ein.

Eines der bekanntesten Bilder von Che Guevara stammt vom Fotografen René Burri, der als Zeitzeuge in Interviews oft gefragt wurde, wie gut er den Che Guevara denn kannte. Er kannte ihn außer beim Porträt-Termin gar nicht und erlebte ihn als unfreundlich, berichtet er in einem Interview. Das bekannteste Bild des Revolutionsführers stammt allerdings von Alberto Korda und ist bis heute das am meisten gedruckte Foto der Welt. Das Bild hat so starke Symbolkraft, dass auch heute noch viele fürchten, das Konterfei des Che Guevaras könnte zum Vorboten neuer revolutionärer Strömungen werden. Das macht es auch zu meistgehassten und meistgeliebten Idol der Welt, sagte René Burri.

Der Filmregisseur Anton Corbijn schildert im Film „Life“ die Freundschaft zwischen dem jungen, schüchternen Filmstar James Dean und dem Fotoreporter Dennis Stock. Wer Gelegenheit hat, sich diesen Film anzusehen, der erfährt mehr über die Entstehung eines der emblematischsten Bilder der Geschichte Hollywoods und über den Jungschauspieler Dean, der früh starb. Ein wenig entmystifizierend, vielleicht auch eine Art privater Bildersturm. Ohne jetzt die Geschichte aller bekannten Pop-Ikonen hervorkramen zu wollen, läßt sich doch sagen, dass sich bestimmte Portraits in das Unterbewusstsein der Menschheit eingebrannt haben und immer wieder Verwendung finden, sei es nur auf T-Shirts. Und es ist das Medium Fotografie, das das Verehren bestimmter Vorbilder vereinfacht hat. Und es sind nicht nur Portraits, die sich zu Ikonen entwickelt haben, auch andere Genres haben Potential dafür, so zum Beispiel der Fotojournalismus.

„Das Dilemma der Fotografie“ Interview-Partner Ed Kashi, VII © Göttlicher

Es waren die Reportage-Bilder des Vietnam-Kriegs, die die amerikanische Öffentlichkeit dazu bewegt hat, lautstark gegen den Krieg zu protestieren, was letztlich auch dazu geführt hat, dass die Amerikaner sich aus Vietnam zurückzogen. Die Bilder wurden aufgenommen von Fotoreportern, die sich an der Front in Vietnam relativ frei und unbehelligt bewegen konnten und die fotografierten, was ihnen vor die Lise kam, also menschliches Leid auf beiden Seiten der Krieg führenden Parteien. Die Amerikaner zogen sehr schnell ihre Lehren aus diesen Bildern und änderten im Laufe der Folgejahre den Umgang mit professionellen Fotografen. Die Freiheit des Bildberichterstatters wurde zunehmend beschnitten.

Im Irak-Krieg zum Beispiel durften Fotoreporter mit den amerikanischen Soldaten nur dann an die Front, wenn sie „embedded“ waren, wenn sie vorab einen Vertrag unterzeichnet hatten, der ihnen haarklein vorschrieb, was sie fotografieren durften und was nicht.

So hat sich auch die Schöpfung von Foto-Ikonen verändert, die entstehen nun nämlich mehr im privaten Raum. Die bekannten Bilder aus dem irakischen Folter-Gefängnis Abu Ghraib stammen aus der privaten Foto-Sammlung von Soldaten, die ihre dort gemachten Erfahrungen über soziale Netzwerke mit der Umwelt teilten.

Übrigens verhalten sich die Schlächter der ISIS kaum anders als die Amerikaner, was den Umgang mit Bildern anbelangt. Soweit bekannt geworden ist, dürfen Fotografen im ISIS-Kontext fotografieren, wenn sie sich einer strikten ISIS-Kontrolle unterziehen, deren Missachtung für den Fotografen sicher grausame Konsequenzen hat. Welche Konsequenzen das Veröffentlichen von unauthorisierten Bildern im Kontext der US-Armee hat, ist sicher auch eine Überlegung wert. Wenn ein Fotograf ein Bild geschossen hat, das es zur Ikone bringen könnte, kann er ja immerhin abwägen, welche Konsequenzen ihm lieber sind, die eines eventuellen Fotopreises, der Ruhm und Ehre mit sich bringt oder die einer Anklage wegen Terrorismus oder Landesverrats (Mentale Note: Mal Noam Chomsky fragen).

Manipuliertes Bild vom Aufstellen der russischen Flagge in Berlin © Göttlicher

Aber klar, die Fotografie war schon immer auch ein Mittel der Propaganda. Beispiele dafür gibt es viele. Nur waren die Techniken der Bildmanipulation früher noch nicht so ausgefallen, wie sie es heute sind, in Zeiten des sich stetig verbessernden Programms Photohop. Das Aufstellen der russischen Flagge auf dem Reichstag in Berlin war nachgestellt, Stalin hat Zeitgenossen und Weggefährten auf Bildern entfernen lassen und die Nordkoreaner fügen bei Fotos von Raketentests gerne ein paar Raketen hinzu, damit es besser aussieht. Die Mächtigen sind sich heute mehr denn je der Macht der Bilder bewusst, weswegen sie es vorziehen, die Kontrolle darüber auszuüben. In Spanien hat die Regierungspartei PP letztes Jahr ein Gesetz erlassen, das es verbietet und mit drastischen Strafen ahndet, wenn man Fotos macht von Polizeikräften im Einsatz. Zum Beispiel bei Demonstrationen gegen Sparmaßnahmen. Somit soll auch das private Fotografieren mit Smartphones unterbunden werden, denn die Gefahr für die Mächtigen liegt ja in der schnellen Verbreitung durch das Internet.

Als Ikonophobie bezeichnet man die Furcht vor Bildern oder die Ablehnung von Bildnissen. In den Wissenschaften der Antike und des Mittelalters wurden Bilder ebenfalls noch abgelehnt oder geringgeschätzt. Die Wissenschaften trug zur Überwindung der Bilder-Angst bei. Heute sind sich die Regierungen vieler Länder über die Macht der Bilder bewusst und fürchten diese.

 

Vergrößertes Bild aus einer Ausstellung des World Press Award im Büro von Lars Boering © Göttlicher

Währenddessen suchen die angesehenen Fotopreise wie der World Press Award nach den Foto-Ikonen der Gegenwart. Ich habe Lars Boering, Chef des WPA in Amsterdam, für mein Projekt „Like a Coat of rain“ darauf angesprochen. Er meinte, dass sich die Juroren ja auch an irgendetwas halten müssten, weswegen sie ihre visuellen Referenzen gerne in der Kunstgeschichte, bei Malerei und bildender Kunst suchen. So waren einige der in den letzten Jahren ausgezeichneten Bilder durchaus als Referenzen zu verstehen. Allerdings ist das für Fotografen eher ein Glücksspiel. Kaum jemand ist spontan in der Lage, eine Foto-Ikone zu fotografieren, dazu gehört schon eine Portion Glück. Und was sich zur Ikone entwickelt, ist auch immer eine Frage des Moments und der Relevanz. Das Bild des toten Aylan am Strand gehört dazu. Viele Fotografen haben vorher und nachher Bilder von Emigranten und Flüchtlingen am Mittelmeer gemacht, darunter auch viele Bilder von Ertrunkenen. Aber die meisten dieser Bilder verschwinden in den Schubladen der Fotoredakteure oder bekommen höchstens mal ein Foto-Festival als Plattform, um vor einer größeren Zuschauermenge gezeigt zu werden. Das Bild von Aylan verbreitete sich dagegen über Twitter und es traf den Zahn der Zeit. Kurz danach öffnete Merkel die Grenzen.