Von der Ikone zur Ikonophobie in der Fotografie

Ikone Marylin Monroe als Restaurant-Werbung © Göttlicher

Was ist eine Ikone? Was ist eine Foto-Ikone? Und was ist Ikonophobie? Hat hier heute irgendwer irgendwas gegen Bilder? In einer Zeit, in der pro Tag auf Instagram 20 Millionen Bilder hochgeladen werden, scheint das doch völlig abwegig. In diesem Artikel schauen wir uns das mal an.

Bei Ikonen denken viele von uns doch sofort an die schön gemalten Heiligenbilder der griechisch- oder russisch-orthodoxen Kirche, die so einen schönen Goldgrund haben. Mit Goldgrund ist der Hintergrund der Ikonen gemeint, der sie charakteristisch macht. Ein derartiger Gold-Hintergrund findet ansonsten in der Kunstgeschichte kaum statt, ein Alleinstellungsmerkmal der Ikonen, die überdies auf Holz gemalt sind. Der Sinn der von der orthodoxen Kirche geweihten Ikonen ist es, Ehrfurcht zu wecken und eine Art existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Abgebildeten herzustellen, also zwischen dem Betrachter und Gott. Als Kunstgegenstände oder als bloße Dekoration werden sie im Kontext der Kirche nicht angesehen. Soweit man weiss, gibt es in koptischen Ikonen sogar Einflüsse altägyptischer Kunst, womit man Ikonen grundsätzlich ein hohes kulturgeschichtliches Alter unterstellt.

Wortgeschichtlich liegt dem Wort Ikone das altgriechische Wort εἰκών (eikṓn) zugrunde, was soviel bedeutet wie „Ebenbild, bildliche Darstellung“. Und bildlich dargestellt wurden auf Ikonen die Gottesmutter, das Jesuskund, Jesus als Erlöser oder etwa Apostel. Dabei steht die Ikone auch in enger Anlehnung an das Wort Idol, welches aus dem griechischen Wort eídolon abgeleitet wird, was soviel heisst wie „Gestalt, Bild, Götzenbild“. Das Götzenbild, konkret das eines Stiers, ist auch verantwortlich für den ersten im christlichen Abendland bekannt gewordenen Bildersturm. Als Moses den Menschen die Zehn Gebote präsentieren wollte, die ihm sein Gott übergeben hatte, fand er seine Glaubensbrüder beim Tanz um das goldene Kalb vor, was ihm gar nicht behagte, so dass er es zerstörte und die Zehn Gebote gleich mit. Steht jedenfalls so im Alten Testament. Der Bildersturm galt damals einem Idol, einer Statue. Aber wir wissen ja jetzt, das griechische Wort „eídolon“ bedeutet ja auch „Bild“, wir bleiben also beim Thema.

Logo meines Projektes „Das Dilemma der Fotografie“ über die Frage der Ethik ©Sergi Gor

Moses repräsentierte einen Gott, der nicht abgebildet werden wollte, der sich zu der damaligen Zeit höchstens gelegentlich in einem brennenden Dornbusch zu zeigen pflegte, er war da wohl ein wenig eitel. Gott selbst war somit der erste Vertreter eines Bilderverbotes. Das Abbildungsverbot wendet sich gegen den Vorgang der Darstellung als solchen, gegen die angeblich existierende Gefahr der Vergötzung (eines Idols), und kann sich richten gegen Götter, Götzen, Propheten, Heilige oder Geschöpfe allgemein. Die Idee des Bilderverbotes entspringt dem Monotheismus und richtet sich gegen die Gefahr der Rückkehr polytheistischer Religionen, die ja dem Ein-Gott-Glauben vorangegangen waren. Angefangen hat damit wohl tatsächlich Moses, obgleich die erste monotheistische Religion gab es wohl in Ägypten in der Regierungszeit des Pharao Echnaton. Der hatte sich selbst zum Sonnengott erklärt, den es anzubeten galt. Damit hatte er allerdings die Gefühle der Priester-Kaste verletzt, die nicht lange zögerten und seine Abbilder von Reliefs und Wänden umgehend entfernten, nachdem Echnaton das Zeitlich gesegnet hatte. Die Priester machten damals einen „Echnaton-Bildersturm“, und womöglich hat das kaum länger gedauert als bei Präsident Trump, der ja auch in Windeseile alles rückgängig gemacht hat, wofür Präsident Obama lange gekämpft hat.

Letzten Endes kann man wohl sagen, dass das Kreuz zur Ikone des Christentums geworden ist, mit dem Abbild eines gekreuzigten Christus vorne drauf, was viele kritische Geister an sich ziemlich brutal finden. Vorher gab es ja auch das Symbol des Fisches als Erkennungszeichen des frühen Christentums, das sich als Ikone aber nicht durchgesetzt hat. Was sind nun die Ikonen von heute?

Marylin Monroe, James Dean, Che Guevara, Albert Einstein fallen einem da als erstes ein.

Eines der bekanntesten Bilder von Che Guevara stammt vom Fotografen René Burri, der als Zeitzeuge in Interviews oft gefragt wurde, wie gut er den Che Guevara denn kannte. Er kannte ihn außer beim Porträt-Termin gar nicht und erlebte ihn als unfreundlich, berichtet er in einem Interview. Das bekannteste Bild des Revolutionsführers stammt allerdings von Alberto Korda und ist bis heute das am meisten gedruckte Foto der Welt. Das Bild hat so starke Symbolkraft, dass auch heute noch viele fürchten, das Konterfei des Che Guevaras könnte zum Vorboten neuer revolutionärer Strömungen werden. Das macht es auch zu meistgehassten und meistgeliebten Idol der Welt, sagte René Burri.

Der Filmregisseur Anton Corbijn schildert im Film „Life“ die Freundschaft zwischen dem jungen, schüchternen Filmstar James Dean und dem Fotoreporter Dennis Stock. Wer Gelegenheit hat, sich diesen Film anzusehen, der erfährt mehr über die Entstehung eines der emblematischsten Bilder der Geschichte Hollywoods und über den Jungschauspieler Dean, der früh starb. Ein wenig entmystifizierend, vielleicht auch eine Art privater Bildersturm. Ohne jetzt die Geschichte aller bekannten Pop-Ikonen hervorkramen zu wollen, läßt sich doch sagen, dass sich bestimmte Portraits in das Unterbewusstsein der Menschheit eingebrannt haben und immer wieder Verwendung finden, sei es nur auf T-Shirts. Und es ist das Medium Fotografie, das das Verehren bestimmter Vorbilder vereinfacht hat. Und es sind nicht nur Portraits, die sich zu Ikonen entwickelt haben, auch andere Genres haben Potential dafür, so zum Beispiel der Fotojournalismus.

„Das Dilemma der Fotografie“ Interview-Partner Ed Kashi, VII © Göttlicher

Es waren die Reportage-Bilder des Vietnam-Kriegs, die die amerikanische Öffentlichkeit dazu bewegt hat, lautstark gegen den Krieg zu protestieren, was letztlich auch dazu geführt hat, dass die Amerikaner sich aus Vietnam zurückzogen. Die Bilder wurden aufgenommen von Fotoreportern, die sich an der Front in Vietnam relativ frei und unbehelligt bewegen konnten und die fotografierten, was ihnen vor die Lise kam, also menschliches Leid auf beiden Seiten der Krieg führenden Parteien. Die Amerikaner zogen sehr schnell ihre Lehren aus diesen Bildern und änderten im Laufe der Folgejahre den Umgang mit professionellen Fotografen. Die Freiheit des Bildberichterstatters wurde zunehmend beschnitten.

Im Irak-Krieg zum Beispiel durften Fotoreporter mit den amerikanischen Soldaten nur dann an die Front, wenn sie „embedded“ waren, wenn sie vorab einen Vertrag unterzeichnet hatten, der ihnen haarklein vorschrieb, was sie fotografieren durften und was nicht.

So hat sich auch die Schöpfung von Foto-Ikonen verändert, die entstehen nun nämlich mehr im privaten Raum. Die bekannten Bilder aus dem irakischen Folter-Gefängnis Abu Ghraib stammen aus der privaten Foto-Sammlung von Soldaten, die ihre dort gemachten Erfahrungen über soziale Netzwerke mit der Umwelt teilten.

Übrigens verhalten sich die Schlächter der ISIS kaum anders als die Amerikaner, was den Umgang mit Bildern anbelangt. Soweit bekannt geworden ist, dürfen Fotografen im ISIS-Kontext fotografieren, wenn sie sich einer strikten ISIS-Kontrolle unterziehen, deren Missachtung für den Fotografen sicher grausame Konsequenzen hat. Welche Konsequenzen das Veröffentlichen von unauthorisierten Bildern im Kontext der US-Armee hat, ist sicher auch eine Überlegung wert. Wenn ein Fotograf ein Bild geschossen hat, das es zur Ikone bringen könnte, kann er ja immerhin abwägen, welche Konsequenzen ihm lieber sind, die eines eventuellen Fotopreises, der Ruhm und Ehre mit sich bringt oder die einer Anklage wegen Terrorismus oder Landesverrats (Mentale Note: Mal Noam Chomsky fragen).

Manipuliertes Bild vom Aufstellen der russischen Flagge in Berlin © Göttlicher

Aber klar, die Fotografie war schon immer auch ein Mittel der Propaganda. Beispiele dafür gibt es viele. Nur waren die Techniken der Bildmanipulation früher noch nicht so ausgefallen, wie sie es heute sind, in Zeiten des sich stetig verbessernden Programms Photohop. Das Aufstellen der russischen Flagge auf dem Reichstag in Berlin war nachgestellt, Stalin hat Zeitgenossen und Weggefährten auf Bildern entfernen lassen und die Nordkoreaner fügen bei Fotos von Raketentests gerne ein paar Raketen hinzu, damit es besser aussieht. Die Mächtigen sind sich heute mehr denn je der Macht der Bilder bewusst, weswegen sie es vorziehen, die Kontrolle darüber auszuüben. In Spanien hat die Regierungspartei PP letztes Jahr ein Gesetz erlassen, das es verbietet und mit drastischen Strafen ahndet, wenn man Fotos macht von Polizeikräften im Einsatz. Zum Beispiel bei Demonstrationen gegen Sparmaßnahmen. Somit soll auch das private Fotografieren mit Smartphones unterbunden werden, denn die Gefahr für die Mächtigen liegt ja in der schnellen Verbreitung durch das Internet.

Als Ikonophobie bezeichnet man die Furcht vor Bildern oder die Ablehnung von Bildnissen. In den Wissenschaften der Antike und des Mittelalters wurden Bilder ebenfalls noch abgelehnt oder geringgeschätzt. Die Wissenschaften trug zur Überwindung der Bilder-Angst bei. Heute sind sich die Regierungen vieler Länder über die Macht der Bilder bewusst und fürchten diese.

 

Vergrößertes Bild aus einer Ausstellung des World Press Award im Büro von Lars Boering © Göttlicher

Währenddessen suchen die angesehenen Fotopreise wie der World Press Award nach den Foto-Ikonen der Gegenwart. Ich habe Lars Boering, Chef des WPA in Amsterdam, für mein Projekt „Like a Coat of rain“ darauf angesprochen. Er meinte, dass sich die Juroren ja auch an irgendetwas halten müssten, weswegen sie ihre visuellen Referenzen gerne in der Kunstgeschichte, bei Malerei und bildender Kunst suchen. So waren einige der in den letzten Jahren ausgezeichneten Bilder durchaus als Referenzen zu verstehen. Allerdings ist das für Fotografen eher ein Glücksspiel. Kaum jemand ist spontan in der Lage, eine Foto-Ikone zu fotografieren, dazu gehört schon eine Portion Glück. Und was sich zur Ikone entwickelt, ist auch immer eine Frage des Moments und der Relevanz. Das Bild des toten Aylan am Strand gehört dazu. Viele Fotografen haben vorher und nachher Bilder von Emigranten und Flüchtlingen am Mittelmeer gemacht, darunter auch viele Bilder von Ertrunkenen. Aber die meisten dieser Bilder verschwinden in den Schubladen der Fotoredakteure oder bekommen höchstens mal ein Foto-Festival als Plattform, um vor einer größeren Zuschauermenge gezeigt zu werden. Das Bild von Aylan verbreitete sich dagegen über Twitter und es traf den Zahn der Zeit. Kurz danach öffnete Merkel die Grenzen.

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