Gedanken zum ethischen Handeln eines Fotoreporters

Spiderman, der Prototyp des rasenden Reporters. Hier mehr als Referenz der Spaßgesellschaft. ©Göttlicher

Muss ein Fotograf sein Handeln abwägen? Kann ein Fotograf, der Bilder veröffentlicht, das was aus seiner Tat resultiert, voraussehen? Gedanken zu Geschichten, die mir zu Ohren gekommen sind. Zwei Fälle, die an sich verschieden sind, aber vielleicht doch einiges gemeinsam haben.

Fall 1

Bei einem Treffen von Aktivisten, deren Hauptaufgabe es ist, Leuten zu helfen, die Probleme mit Immobilien, Banken und Hypotheken haben, präsentierte sich eines Abends eine junge Frau aus Brasilien und erzählte von ihrem Fall. Sie sei als die Geliebte eines sehr wohlhabenden älteren Mannes ins Land gekommen und habe an dessen Seite 10 Jahre lang gut gelebt. Doch leider habe der ältere Mann nun eine neue, jüngere Freundin und sie müsse sich nun eine neue Bleibe suchen. Kinder habe sie mit dem Mann keine, dieser wolle sie finanziell zwar ein wenig entschädigen, aber sie stehe grundsätzlich vor dem Nichts und so fragt nun in die Runde ihrer Zuhörer, ob jemand eine Unterkunft wisse, wo sie preiswert bleiben könnte. Ihre Situation sei sehr ungerecht, sie habe die besten Jahre ihre Lebens geopfert und ihr Mann würde sie zu Hause nicht mehr dulden und hätte überall Kameras installiert, um ihr den Zugang zu ihrem Haus zu erschweren, wo jetzt die jüngere Frau an ihrer Stelle lebte. Anwesend in dem Plenum ist auch ein junger Fotograf, der ihre Geschichte spannend findet, wie spannend er die Dame selber findet, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls meldet er sich zu Wort und sagt, er würde sich der Geschichte gerne annehmen und Kraft seines Fotografen-Status alles Menschenmögliche tun, um den Fall bei der breiten Masse bekannt zu machen. Wie genau er dies anstellen wolle, bleibt erst einmal unklar (vielleicht ja via Facebook), jedenfalls verhält es sich so, dass es sich in dem in der Geschichte vorkommenden älteren Mann um einen stadtbekannter Gastronom handelt, bei dem sich die lokalen Zeitungen nicht gerne die Finger verbrennen wollen (außer es sind vielleicht Wahlen).

Ideal Fotoreporter: Lieber mittendrin als nur dabei. ©Göttlicher

Fall 2

Ein mir gut bekannter junger Fotograf arbeitete zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort für eine lokale Gratis-Zeitung als rasender Reporter. Der Fotograf, der später den World Press Award gewinnen sollte, machte sich bei der Zeitung einen Namen als der Reporter, der einen guten Draht zu Jugendthemen, Hausbesetzern und der linken Szene hatte, kaum eine Tür blieb ihm und seiner Kamera verschlossen. So betrat er eines schönen Tages eine alte Stierkampf-Arena, die sich im Verfall befand und fand dort den einzigen Bettler vor, der diese bewohnte. Er freundete sich mit dem Mann an, so dass er von diesem auch die Erlaubnis bekam, ihn fotografieren zu dürfen. Die Geschichte fand Anklang bei seiner Zeitung und wurde schliesslich gedruckt. Der Fotograf war auf seine Investigativ-Leistung und seine Bilder stolz und wurde von allen Seiten gelobt, die Geschichte machte in der Stadt medial die Runde. Leider bekamen auch die Behörden davon Wind und so wurde der Bettler kurze Zeit später durch Polizei-Einsatzkräfte von seinem Schlafplatz entfernt. Dabei muss es zu unschönen Szenen gekommen sein und der junge Fotograf, der eben noch sehr stolz gewesen war auf seine Leistung fühlte sich bis ins Mark getroffen. Er hatte überhaupt nicht im Sinn gehabt, durch seine Bilder die Lebensqualität seines Gegenübers infrage zu stellen, oder schlimmer: er wäre nie auf die Idee gekommen, dass seine Bilder das Leben dieses Mannes negativ verändern würden. Diese Geschichte musste aber passieren, damit der junge Fotograf anfangen konnte, vieles, was ihm bis dato als gut und normal vorkam, infrage zu stellen. Die Macht der Bilder, die Macht der Presse, die Macht der Medien. Er selbst als ein Teil davon, als ein Rad in einem großen Räderwerk, das er selber mit in Gang hält. Die Richtung vorgeben tun andere. An der Stelle, wo damals die Arena stand, steht heute ein schönes Kaufhaus.

Gedanken zu beiden Fällen und was sie gemeinsam haben.

Der Urtyp des Fotoreporters: Robert Capa. Er fotografierte den Spanischen Bürgerkrieg und schuf Ikonen.

In beiden Geschichten ist es ein Fotograf, der in gewisser Weise ausreizen möchte, wie weit seine Macht geht. Er sieht sich automatisch auf der „guten“ Seite und ihn reizt es, im Mittelpunkt zu stehen und einem Bild zu entsprechen, das vielleicht am besten in Peter Parker, besser bekannt als Spiderman, erstmals auch cinematografisch dargestellt wurde. Das Ideal des rasenden Reporters einer Zeitung, mit der Top Story vor seiner Linse. Die Top Story war er selber. Heute entsprechen nicht mehr sehr viele Fotografen diesem Ideal, auch weil das Internet an Schnelligkeit die Zeitungen überholt hat.

In beiden Fällen ist eine gewisse Naivität spürbar, vielleicht jugendlicher Leichtsinn, eine Art Helfer-Syndrom, auch Risikobereitschaft. Doch die Jugend irrt viel leichter als sie zuzugeben in der Lage ist, wenn es um das korrekte Einschätzen von Gut und Böse geht. Aber wenn nicht in der Jugend, wann hat man dann das Recht, Fehler zu machen? Und die Weisheit kommt schließlich erst mit den Fehlern, die man macht.

Und abschliessend fallen mir Referenzen ein zum Telenovela. Im Falle der Brasilianerin sehe ich nicht wirklich, was der Fotograf dem Mädchen Gutes tun kann, außer sich eben auf ihre Seite zu schlagen, dafür ist es doch auch irgendwie zu sehr eine private Angelegenheit, von der er ja nur eine Version kennt. Aber als Stoff für eine Telenovela ist es sicher sehr passend. Schon Sir Arthur Conan Doyle hat sich in einem Sherlock Holmes-Fall des Themas angenommen. Durchaus blutig und mit einer deftigen Portion Zynismus: Das Rätsel der Thor-Brücke.

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