Fotokunst: Heute werden Bilder nicht mehr gemacht, sondern adoptiert

Aus dem Film „Man with a movie Camera“ von 1929

Einen Künstler, der mit Fotografie arbeitet, treibt der Gedanke um, alles sei schon getan. Alles sei schon fotografiert, alles sei schon gesehen, nichts ist wirklich mehr neu oder originell. Gibt es Wege aus diesem Dilemma? Klar ist, Veränderungen kommen auf uns alle zu, und die Dinosaurier sind ausgestorben.

Eine Technik der Produktion von Gegenwartskunst könnte man als „Der Künstler als Verwalter“ bezeichnen. Dahinter verbirgt sich die Idee, Bilder auszuwählen, und dieses Auswahl-Treffen ist ebenso wichtig wie die Entscheidung in der klassischen Fotografie, wohin man die Kamera richtet, welches Objektiv man verwendet, welche Blende oder Verschlusszeit zum Einsatz kommen soll. All dies sind linear getroffene Entscheidungen, die Einfluss haben auf das Bild-Ergebnis. Beim „Der Künstler als Verwalter“-Konzept allerdings geht es mehr um den Akt des Denkens als um den Akt des Tuns, sprich: Man arbeitet mit existierenden Bildern, anstatt selber zu fotografieren.

Allerdings kommt es dabei durchaus auch zu Konflikten mit dem Thema der Autorenschaft, mit dem Kunstmarkt oder generell mit den Interessen anderer.

Zum besseren Verständnis kann man drei Gruppen von bildnerischen Themen heranziehen:

  • Fotos von Kindern
  • Fotos von Blinden
  • Fotos von Tieren

Werfen wir einen Blick auf diese Gruppen und die dort entstehenden Bilder. Kinder können durchaus Bilder machen, können knipsen und das aufnehmen, was ihnen wichtig erscheint. Es kann ihnen eine Menge Spass bereiten, wenn man ihnen ein Thema vorgibt, aber ein Bewusstsein für die Eigenheiten des fotografischen Prozesses haben sie nicht. Als Beispiel diene hier das Projekt „O mundo marvilhoso do futbol“ von Patricia Cebedo, wo persönliche und subjektive Eindrücke von Kindern in brasilianischen Favelas zusammengetragen wurden, die mit dem Leben von diesen Kindern und dem Fußball zu tun haben. Die Bilder bestechen durch ihre Naivität und ihre, fast möchte ich sagen „bewusste“ Un-Perfektheit im Sinne „normaler“ Fotografie, die sich ja durch das Erreichen der Beherrschung der Technik auszeichnet. Kinder machen einfach Bilder, streben aber kaum nach technischer Perfektion. Die in diesem Projekt zusammengefassten Kinder haben die Bilder dazu beigetragen, die Auswahl der Bilder und die Zusammenstellung für das Buch machte dann die Künstlerin, die den Überblick behielt.

The Cameraman, ein Film von Buster Keaton

Schauen wir uns Bilder von Blinden an. Darunter tut sich z.b. der Slowake Eugene Barka hervor, der mit der Kamera sehr eindringliche, subjektive Bildwerke entstehen lässt, die er, wie er selbst beschreibt, gar nicht sehen kann. Wie kann er dann seine eigenen Bilder auswählen?

Fotos von Tieren. Ein interessantes Thema. Schon 1929 gab es den Film „Man with a movie camera„, in der ein Mann alles filmt, was er sieht. Ähnlich einem Foto-Amateur von heute. Daraus resultierte Buster Keatons Werk „The Cameraman“, in dem ein kleiner Affe filmt und viele Preise gewinnt. Es ist dann Buster Keaton, der sich die Rechte an diesem Material schnappt, wobei sich der Affe anscheinend nicht beschwert. Hier stellt sich erstmals die Frage: Wer macht was und was hat Wert? Der deutsche Foto-Reporter Hilmar Pabel machte für die Berliner Illustrierte Zeitung in der Nachkriegszeit Bilder im Zoo. Dabei kam er auf die originelle Idee, seine Kamera den Schimpansen zu überlassen, dass diese aus ihrem Käfig heraus Bilder auf die Zuschauer schiessen sollten. Dieses Experiment gelang ihm und so präsentierte er die Bilder bei der Zeitung, die die Geschichte schließlich druckte. Das Problem war, die Zeitung wollte für die Bilder nichts bezahlen, denn die Aufnahmen seien ja von den Affen gemacht worden, was Hilmar Pabel ziemlich erboste. Pabel hatte schließlich mit einem Nachdruck Glück, die amerikanische Life bezahlte. Hier merkt man erstmals, wie fragil die Autorenschaft ist und wie schnell diese sich verändern kann.

Macaco-Selfie. Verwenden Sie dieses Bild jetzt, es hat keinen Autor!

Dann ist da noch der Fall des Amerikaners David Slater. Dieser machte in Indoniesen Aufnahmen von Macaco Affen und verfiel auf die Idee, seine Kamera unweit der Tiere auf ein Stativ zu stellen, mal sehen, was diese wohl damit anstellen würden. Ein Affe fotografierte sich selbst, machte quasi das erste Affen-Selfie der Foto-Geschichte. Soweit, so gut. Allerdings verwendete dann Wikipedia das Foto und David Slater verlangte Geld für die Bildrechte. Wikipedia sagte „Nein“ und so ging der Fall vor den Richter in den USA. Dort wurde entschieden, nur Menschen haben ein Recht auf Copyright.

David Slater mit seinem Selfie


Gedanken zum Handeln des jungen Fotoreporters.

Das kann natürlich in jedem Land anders entschieden und ausgelegt werden, aber für David Slater war der Fall ärgerlich. Klar ist, dass der Affe im Moment des Fotografierens einen fotografischen Prozess in Gang gesetzt hat. Klar ist aber auch, dass der Fotograf Slater die Kamera dorthin gestellt hat und nach der Aufnahme die Bilder quasi „in Sicherheit“ gebracht und später verbreitet hat. Dazu gehört ja das Bewusstsein des Autoren. Bis heute kämpft der Fotograf um sein Autoren-Recht und der Prozess ist und bleibt offen.

Schon Dalí sagte einst: „Ein guter Künstler kopiert, ein Genie klaut!“ Das haben wir heute, in der Ära der Post-Fotografie, überwunden. Heute wird adoptiert.

Der Begriff Adoptieren kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie “ Triumph der Kultur über die Natur“, was dem Ganzen eine Art ideologischer Rechtfertigung verleiht. Als Beispiel dafür sei das Werk „Le salon de refusée“ von Albert Gusi genannt, wo der Künstler sich bei Wissenschaftlern bediente, die in freier Wildbahn Fotos von Wildschweinen machen wollten, wozu sie Fotofallen errichteten. Leider gingen ihnen dann oft andere Tiere in die Falle, die zwar lustige Bilder ergaben, aber keine, mit denen die Wissenschaftler arbeiten konnten. Der Künstler hingegen ja.

Das Bild des Affen bei Wikipedia

 
Hier geht es zu meinem Projekt über die Ethik „Like a Coat of rain“

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