Gedanken zur Integration in Katalonien am Beispiel des Karl Jacobi

Fotomontage der vor Barcelona geplanten Insel

 

Die Wahlen um das Amt des Bürgermeisters in Barcelona sind vorüber. Wie es im Moment aussieht, werden Ernest Maragall und Ada Colau einen Weg finden, gemeinsam zu regieren. Der deutsche Kandidat Karl Jacobi wurde 12. Gelegenheit für mich, kurz zurückzuschauen und meine Eindrücke zum Thema zu sortieren.

Ich habe erstmals mit dem Gedanken gespielt, den Kölner Jacobi zu interviewen, als ich das Video sah, das ihn ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultiert hat. Als er inmitten einer großen Gruppe deutscher Unternehmer aufstand und begann, den Katalanen Torrent wild zu beschimpfen. Ich dachte mir in diesem Moment „Meine Güte“, der traut sich was. Ich stimmte da nicht mit seinen Argumenten überein. Das reizte mich, denn in meiner Wahrnehmung ist es genau diese Auseinandersetzung um unterschiedliche Standpunkte, die das Leben reicher macht, so sie denn freundlich und sachlich ausgetragen wird.

Die Psychologin Dr. Diethelm-Knöpfel hat in Katalonien viele Freunde gefunden. Sie lernt in der Schweiz Katalanisch.

Deswegen hatte ich ein wenig Angst vor der Kontaktaufnahme mit dem Kölner, denn beschimpft werden wollte ich nicht. Doch so war es dann nicht. Wir hatten ein nettes Gespräch, das ich per Telefon aufzeichnete und einige Wochen später ein Treffen im Club Equestre, wo die katalanische Elite verkehrt, außerdem viele Deutsche, die in Katalonien Geschäfte machen. Schien mir zumindest so. Die Dinge sind ja oft gar nicht, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

Der Club untersagte Karl Jacobi, mit mir dort Bilder zu machen, was ihn zu erstaunen schien. Mich hatte eher erstaunt, dass der Vorschlag, dort zu fotografieren, von ihm kam. Solche Clubs legen Wert auf ihre Privatsphäre, das Foto-Verbot war augenscheinlich. Wir gingen dann raus, nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten. Gleichzeitig fand eine Wahlveranstaltung von Ernest Maragall statt, bei der man seine Gegenwart aus bestimmten Gründen nicht erwünscht hatte, was ihn erheiterte. Er hatte sich in der Rolle des Polterers bequem eingerichtet, möchte ich sagen. Den Ruf wurde er nicht wieder los, wovon seine youtube-Videos künden.

Spanien im Fokus

Spanien im Fokus – Björn Göttlicher schreibt über Spanien und Katalonien

Ich möchte jetzt nicht groß über ihn und seine Ansichten und Meinungen reden, außer, dass diese sich im Laufe des Wahlkampfes veränderten. Ich bekam seinen Newsletter. Einige Themen fand ich für die Stadt Barcelona durchaus angebracht und notwendig. So der Schwerpunkt, das Bild der Metropole auf internationaler Ebene wieder zu verbessern, Barcelona für ausländische Investoren und Professoren attraktiv zu machen. Na klar. Der Umweltschutz spielte bei ihm eine Rolle, das sind meiner Meinung nach Themen, die in Katalonien und Spanien angesichts der internen Probleme außen vor sind.

Gut fand ich seinen Wunsch, gegen Korruption und Klientelismus vorzugehen und die Stadtverwaltung transparent zu gestalten. Schwer verdaulich war für mich hingegen die Idee der Insel an der Küste, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass dort preiswerte Bauten entstehen würden. In bester Lage. Ich glaube eher, die Bauindustrie rieb sich da schon die Finger mit den Millionen, die es zu verdienen gegeben hätte. Die Idee, die Chinesen nach Barcelona zu locken, gefällt mir wenig. In dem Stadtteil, in dem meine Familie in Girona lebt, sind fünf von sieben Cafes und Restaurants fest in chinesischer Hand. 

Foto-Workshop mit eigenem Koch an der Costa Brava im Oktober 2019

Folgendes ist mir eine Kritik wert: Anfänglich wollte er sich mit einer Partei präsentieren, die eindeutig der spanischen Rechten zuzuordnen war. Das las sich aus deren Statuten. Mit denen, in meinem Artikel steht der Name, kam es zum Bruch, so dass er sich anderweitig organisieren musste. Ich habe ihn im Gespräch auch gar nicht als einen Vertreter der Rechten empfunden, ich befürchte aber, er ist mit naiven Vorstellungen an die Sache herangegangen. Ich denke heute, er hat sich auf eine Art und Weise mit Katalonien und Spanien auseinandergesetzt, hat seinen Standpunkt definiert und diesen zum Gegenstand des Wahlkampfes gemacht.

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Die Tatsache, dass er im Vorfeld den Vorschlag gemacht hat, dass Madrid Ministerien von dort nach Barcelona abtreten solle, um das Land ein wenig zu dezentralisieren, erschien mir im Taumel des Karnevals geboren. Das wäre doch toll, wenn die das machen würden. Madrid boomt zur Zeit, das erlebt jeder, der Gelegenheit hat, dorthin zu fahren. Sprichst du mit den Menschen in Madrid, dann wollen die, das es so bleibt, das es aufwärtsgeht, dass die Dachterrassen florieren und in den schicken Altstadtvierteln neue Gourmetläden eröffnet werden. Davon will Barcelona etwas ab haben. Die Stadt versinkt ja förmlich in Pessimismus. Vor allem nach dem Spiel gegen Liverpool. Einzig das Meer bleibt, aber es riecht nicht mehr so gut wie früher. Wie es wohl riechen würde, wenn die vor der Stadt Inseln aufschütteten? Will ich mir gar nicht vorstellen.

Aber Spaß beiseite, zu einer Dezentralisierung wird es in Spanien nicht kommen. Auch nicht, wenn der Herr Jakobi Bürgermeister wäre. Trotzdem wettert er gegen den katalanischen Separatismus, sieht in ihm die Wurzel allen Übels. Ein Referendum ja, aber in ganz Spanien hingegen, die Idee findet er gut. Das fehlt gerade noch. Am Ende kommt dabei raus, dass die anderen es leid sind, unter der Knute Madrids zu existieren. Die Basken, die Gallizier, die Balearen, Valencianer, Murcianer und Andalusier. Es ist anzunehmen, dass viele in Katalonien lebende Spanier aus anderen Landesteilen sofort für ein Referendum in ihrer Region den Wohnsitz ummelden würden, nur um daran teilnehmen zu dürfen. Um selber entscheiden zu können, sei es wegen der Ausgrabung eines Familienmitglieds aus einem Massengrab, oder so anderer banaler Dingen wie Gesundheit oder Ausbildung. Bin ich fast sicher.

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Da hätten die Vertreter des Königshauses und der Fundacion Franco, um die es in meiner nächsten Reportage über das Valle de los Caidos geht, alle Hände voll zu tun. Dann hätte das Militär endlich eine Aufgabe, den Zusammenhalt des Landes. Olé.

Nein, ich will auf etwas anders hinaus. Was mich persönlich traurig macht, ist die fehlende Integration. Meine Mutter stammt aus Finnland, mein Vater ist Deutscher, ich selber habe Familie mittlerweile in Katalonien und Galizien. Ich habe es erlebt, dass ein Freund von mir nach Helsinki gezogen ist und dort zwei Jahre nur mit Englisch ausgeharrt hat. Dann zog er wieder weg. Für viele, die nach Katalonien kommen, ist der Wunsch ausgeprägt, hier zu bleiben. Sei es wegen des Essens, sie es wegen der Nähe zum Meer, sei es wegen des Wetters. An der stetig besser werdenden wirtschaftlichen Situation liegt es kaum, an der Rundum-Versorgung der Krankenkassen eher nicht, am Kindergeld schon gar nicht.

Karl Jacobi betont immer wieder, dass er vierzig Jahre hier ist. Katalanisch spricht er nicht. Müsse er nicht, brauche er nicht in Barcelona. Und alles, was außerhalb der Stadt liegt, sind Kartoffelacker. Wer gegenüber den Menschen eine derartige Ignoranz an den Tag legt, der schafft es nicht, sich zu integrieren. Leider. Und das ist traurig. Denn ihm entgeht das Beste, das es in Katalonien gibt. Das sind die Menschen. Denen es letztlich egal ist, in welcher Sprache man mit ihnen redet, Hauptsache man unterhält sich, verbringt Zeit miteinander, singt, lacht, flirtet, am besten bei einem Glas Bier oder zwei.

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Die Sprache ist ein Hilfsmittel für Kommunikation. Sie öffnet Türen und letztlich Herzen. Herr Jacobi ist nicht der einzige, dem es so geht. Ich treffe immer wieder auf Deutsche, die in Katalonien leben wollen, hier ihre Kinder großziehen. Sie wünschen sich, hier das zu leben, was sie sich vorstellen. Aber Integration finden sie nicht notwendig. Wenn ich mir das für Deutschland denke, komme ich im Umkehrschluß immer wieder darauf, dass ich den jungen Leuten, die mich hier fragen, wie das Leben in D. wäre, sage, ohne Sprache klappt das nicht. Du wirst dich doch in Deutschland nie integrieren, wenn du dich weigerst, die Sprache zu lernen. Oder sehe ich das falsch?

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Wieso gibt es dieses Denken dann in Katalonien? Wieso lebt man über Jahre hier und weigert sich, die Kultur und die Sprache anzunehmen? Weil man nicht muss? Muss man zur Integration gezwungen werden? Zwingen kann man niemanden. Aber darauf hinweisen, dass er das Beste verpasst, die Menschen. In diesem Sinne. Wenn jemand Lust hat, meinen Newsletter zu abonnieren, ich würde mich freuen.

 

 

 

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